Wenn du glaubst, dich erklären zu müssen

Wer kennt ihn nicht – diesen automatischen Impuls, sich erklären zu wollen, sobald wir uns kritisiert oder missverstanden fühlen?
Selbst wenn du normalerweise eher nüchtern und sachlich reagierst, kann ein gefühlter Angriff ausreichen, damit der innere Autopilot sofort die Führung übernimmt. Statt dann überlegt zu handeln, reagierst du plötzlich impulsiv und deutlich emotionaler als beabsichtigt.
Der Wunsch, die Dinge richtigzustellen, verstanden zu werden oder die entstandene Spannung schnell wieder aufzulösen, kann dabei so viel inneren Druck erzeugen, dass für eine bewusste Reaktion kaum noch Raum bleibt.
Auch wenn deine Erklärung vollkommen nachvollziehbar ist, kann sie dich dennoch unsicher wirken lassen. Je mehr du versuchst, dich zu erklären, desto angespannter wirst du und lässt dich emotional immer tiefer in das Gespräch hineinziehen.
Besonders schwierig wird es, wenn dein Gegenüber gar nicht daran interessiert ist, deine Sichtweise zu verstehen. Manche Menschen haben sich bereits eine feste Meinung gebildet. Andere suchen bewusst die Diskussion oder möchten Recht behalten. In solchen Situationen führt eine zusätzliche Erklärung oft nicht zu mehr Verständnis, sondern lediglich dazu, dass sich das Gespräch immer weiter im Kreis dreht.
Hinzu kommt, dass Rechtfertigungen häufig eine unausgesprochene Botschaft senden: „Ich muss dich davon überzeugen, dass mein Verhalten in Ordnung war.“ Genau dadurch gibst du deinem Gegenüber oft mehr Deutungsmacht über dein Handeln, als ihm eigentlich zusteht.
Das bedeutet nicht, dass du dich niemals erklären solltest. Es gibt durchaus Situationen, in denen eine Einordnung sinnvoll oder notwendig ist – beispielsweise im beruflichen Kontext, bei Missverständnissen oder wenn dir eine Beziehung wichtig ist.
Die entscheidende Frage sollte deshalb nicht lauten: „Wie kann ich mich verständlicher erklären?“ Sondern: „Ist eine Erklärung in dieser Situation überhaupt notwendig?“
Schauen wir uns dazu ein Beispiel an.
Eine Kollegin sagt zu dir: „Also ich hätte das ganz anders gemacht.“
Spontan verspüren viele Menschen den Drang, ihr Vorgehen ausführlich zu begründen: „Ja, aber ich hatte dafür einen guten Grund. Die Informationen lagen mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor und außerdem war die Zeit knapp …“
Je länger die Erklärung dauert, desto stärker entsteht häufig das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Eine deutlich gelassenere Alternative könnte sein: „Das ist eine Möglichkeit, die Situation zu betrachten.“ Oder: „Danke für deinen Hinweis. Ich habe mich in diesem Fall bewusst für einen anderen Weg entschieden.“
Beide Antworten erklären nichts. Trotzdem wirken sie klar, respektvoll und souverän.
Je stärker dich Kritik emotional trifft, desto wichtiger wird es häufig, zunächst etwas Abstand zur Situation zu gewinnen, bevor du reagierst. Nicht jede Kritik bedeutet automatisch, dass mit dir etwas nicht stimmt oder das Problem grundsätzlich bei dir liegt. Manchmal sagt Feedback mehr über die Erwartungen, Unsicherheiten oder die Sichtweise des anderen aus als über dich selbst.
Gerade ungefragte Kritik wird oft vorschnell geäußert, obwohl die andere Person weder die gesamte Situation noch deine Gedanken oder Hintergründe wirklich kennt.
Deshalb musst du nicht jede Meinung ungefiltert annehmen oder jedem Feedback denselben Stellenwert geben. Statt dich sofort zu rechtfertigen, kann es manchmal hilfreicher sein, ruhig eine Grenze zu setzen. Zum Beispiel mit einem Satz wie: „Danke für dein Feedback. Wenn ich dazu deine Meinung hören möchte, komme ich gerne auf dich zurück. Ansonsten darfst du es erst einmal für dich behalten.“


