Wenn du glaubst, dich erklären zu müssen

Viele von uns kennen das Gefühl, sich sofort erklären zu müssen, sobald wir uns kritisiert oder missverstanden fühlen. Wenn du gerade innerlich nickst, weißt du vermutlich bereits, wie dein Autopilot in solchen Situationen sofort die Führung übernimmt.
Bevor du überhaupt Zeit hattest, die Situation richtig einzuordnen, entsteht in dir ein innerer Druck. Du willst die Dinge richtigstellen, verstanden werden oder die Spannung schnell wieder auflösen.
Der Wunsch, gehört und verstanden zu werden, ist oft so stark, dass du impulsiv reagierst und beginnst dich zu rechtfertigen – obwohl du dich eigentlich nur erklären möchtest.
Das Problem dabei ist, dass Rechtfertigungen häufig unsicher wirken, selbst dann, wenn deine Aussage eigentlich vollkommen nachvollziehbar war. Je mehr du versuchst, dich zu erklären, desto angespannter wirst du und lässt dich emotional immer tiefer in das Gespräch hineinziehen.
Hinter diesem Verhalten steckt häufig der Wunsch, die Spannung schnell wieder aufzulösen und vom Gegenüber verstanden zu werden.
Auch wenn der Versuch gut gemeint ist, führt genau das oft dazu, dass sich die Spannung im Gespräch weiter erhöht. Denn dein Gegenüber reagiert nicht mehr nur auf deine Worte, sondern auch auf deine innere Anspannung und Unsicherheit.
Anstatt impulsiv zu reagieren, kann es helfen, dir selbst zunächst einen kurzen Moment von innerer Ruhe zu erlauben. So kannst du bewusster entscheiden, ob und wie du auf die Situation eingehen möchtest.
Vielleicht fiel es dir bisher auch eher schwer, ruhig mit Kritik oder Missverständnissen umzugehen, ohne dich sofort erklären zu müssen. Gerade am Anfang kann es daher sinnvoll sein, sich bestimmte Antworten bewusst einzuprägen oder sogar auswendig zu lernen. Nicht, damit Gespräche künstlich wirken, sondern um überhaupt erst einmal ein Gefühl dafür zu entwickeln.
Vermutlich wirst du dann schon nach kurzer Zeit merken, dass du deutlich leichter, flexibler und natürlicher auf solche Situationen reagieren kannst.
Je nach Situation kann es hilfreich sein, ruhige und klare Antworten parat zu haben, wie zum Beispiel:
Wenn dich jemand auf ein Missverständnis anspricht:
Statt: „Nein, so war das doch gar nicht gemeint …“ kann ruhiger wirken: „Ich verstehe, dass das so angekommen ist. Gemeint war allerdings etwas anderes.“
Oder: Wenn du merkst, dass dein Gegenüber verletzt oder verärgert reagiert:
Statt: „Du hast das falsch verstanden.“ kann entspannter sein: „Vielleicht habe ich mich unglücklich ausgedrückt. Lass mich noch einmal erklären, wie ich es gemeint habe.“
Oder: Wenn du versuchst, die Situation möglichst schnell wieder zu entschärfen:
Statt: „Ich wollte doch eigentlich nur …“ kann es helfen, zunächst etwas mehr Ruhe in das Gespräch zu bringen: „Danke, dass du es ansprichst. Ich denke noch einmal in Ruhe darüber nach.“
Vermutlich wirst du nicht sofort in jeder Situation ruhig reagieren können, und das musst du auch gar nicht. Neue Verhaltensweisen brauchen Zeit, vor allem dann, wenn dein Autopilot über viele Jahre etwas anderes gelernt hat.
Mit jedem Moment, in dem du bewusster reagierst, anstatt dich sofort zu rechtfertigen, entsteht jedoch ein kleines Stück mehr innere Ruhe, Sicherheit und Klarheit.
Und vielleicht wirst du irgendwann feststellen, dass du dich nicht mehr ständig erklären musst, um verstanden zu werden.
